Freitag, 15. Oktober 2010

Unser erster Ausflug - Kodaikanal

Diesen Bericht schulde ich euch eigentlich schon laenger. Unser erster Ausflug liegt schon eine Woche zurueck: Hier also nun der Bericht:

Kodaikanal: Unser erster Ausflug

Neugier und Sehnsucht
Bereits kurze Zeit unter der heissen indischen Sonne können dazu führen, dass "Kälte" zu einem Zauberwort wird. Ebenso reichen wenige Eindrücke aus unserem Unfeld, um Lust auf mehr zu machen. Diese beiden Komponenten, sowie wärmste Empfehlungen der drei Freiwilligen (Magda,Lisa und Narmada), die bereits dort gewesen waren, verleiteten Steffi, Sarah und mich schon bald, nach Kodaikanal zu fahren - einem Ort in den Bergen.
Anfangs hatte ich etwas Respekt davor, so kurze Zeit nach der Ankunft bereits einen mehrtägigen Ausflug zu unternehmen, schließlich hatte ich mich eben erst in Madurai eingewöhnt. Aber die Sehsucht nach kälterer Temperatur und der Bewegung, die Bergwandern mit sich bringt, war schließlich ausschlaggebend. So war ich dann - mit leicht klopfendem Herzen, aber doch voller Vorfreude dabei. Wir planten, Von Donnerstag bis Samstag dort zu bleiben.

Es geht los
Am Busbahnhof in Madurai stellten sich uns die ersten Herausforderungen. Zum einen wurde ich das erste Mal so richtig mit Bettlern konfrontiert, die sehr hartnäckig waren. Davon hatte ich zwar einiges gelesen, aber damit umzugehen, ist doch etwas anderes. Auf den Strassen rund um das TTS war mir das auch bis jetzt nicht begegnet. Manchmal fand ich es schwierig zu entscheiden, ob und was ich geben sollte...
zudem waren all diejenigen, die wir auf der Suche nach dem Bus fragten, zwar sehr auskunftsfreudig, jedoch konnte die Qualität der Auskünfte nicht so recht mit der Quantität mithalten. Mehrfach wurden wir quer über den Platz geschickt, bis wir endlich richtig gelotst wurden. Beim Einsteigen in den Bus erwiesen wir uns als noch sehr von Deutschland geprägt. Irgendwie ist es ja nachzuvollziehen, dass man in indische Busse nicht rechts vorne einsteigt - da sitzt ja direkt der Fahrer. Aber bis wir das realisiert hatten und darauf kamen, einmal um den Bus herumzugehen, brauchte es eine Weile. Die Insassen des Busses werden sich gewundert haben, warum wir so lange so blöd herumstanden...
Und dann ging die Fahrt los - zwei Stunden durch Dörfer, über Landstraßen und kleinere Städte, schließlich nochmal zwei Stunden die Berge hoch, in Serpentinen, die wir auf der Hinfahrt, auf der ein umsichtiger Busfahrer fuhr, noch gar nicht so wahrnahmen, wie auf der Rückfahrt (dazu später).
Es wurde langsam weniger heiß und statt Menschen sahen wir lange vor allem Affen am Straßenrand. Wieder konnten wir beobachten, wie sehr der indische Verkehr über die Hupe organisiert wird: In den Serpentinen passten kaum zwei Fahrzeuge nebeneinander. Vor den kritischen Kurven (die doch in höherer Anzahl vorhanden waren) wurde gehupt, um Entgegenkommende zu warnen.
In Kodaikanal angekommen irrten wir eine Weile herum, bis wir das uns empfohlene Hostel gefunden hatten. Für 800 Rupien (ca. 16 Euro) bekamen wir ein Doppelzimmer mit Zusatzmatratze. Die Schlafgelegenheiten waren mäßig bequem, die Aussicht über die Berge schier unbezahlbar. Schon am Abend unserer Ankunft, als es bereits dunkel war, faszinierte uns die Sicht über das Tal und die vielen glitzernden Lichter darin. Leider ließ sich dieser Eindruck trotz vielfachen Versuchen nicht auf ein Foto bannen. Wer das erleben will, muss selber hinfahren.


Fröhliche Wanderer
Früh am nächsten morgen gingen wir los, um eine gepriesene Aussichtsplattform zu erreichen, bevor der für den Beginn der Monsunzeit typische Nebel aufziehen sollte. Schon die ersten Schritte auf den Weg boten viel zu sehen. Affen, die in den Bäumen turnten, Blüten, Kühe. Und vor allem herrlich kühle, frische Luft. Wieder einmal in Jeans, Jacke und festen Schuhen unterwegs zu sein, hatte einen Reiz für sich. Leider war entweder die Beschilderung oder aber unser Verständnis davon schlecht, sodass wir einen riesigen Umweg liefen. Das Dorf, durch das dieser uns führte, war zwar schön anzusehen, leider erreichte wegen dieses Zeitverlustes der Nebel die Aussichtsplattform vor uns. 



Stars?
Trotz alledem sahen wir uns auf dem Aussichtsplatz ein wenig um. Dabei gerieten wir unbeabsichtigt zwischen eine größere Reisegruppe. Diese zeigte sich so derart fasziniert von uns, wohl vor allem unserer hellen Hautfarbe, vielleicht aber auch von unserem Auftauchen in Indien an sich, dass sie sich gar nicht wieder einkriegen konnten. Die Männer machten Fotos über Fotos, die Frauen giggelten auf eine Weise, die ich vorher nicht für möglich gehalten hatte. Einige versuchten uns, ihre kleinen Kinder in die Arme zu schieben. Diese verstanden natürlich nicht, was vor sich ging und protestierten zum Teil heftig weinend. Auch das war ein Grund dafür, dass sich unser anfängliches Amüsement in leichte Gereiztheit und Erschöpfung wandelte. Fotoshooting ist definitiv nichts für mich - zumindest nicht als Objekt...

Affen :-)
Weiter gings trotz Nebel die Strasse entlang. Nach einigem Laufen - wir waren nun schon ziemlich weit von unserem Hostel entfernt, wurde das Laufen mit wirklich eindrücklichen Bildern belohnt. Zwar blieb das Tal weiterhin vom Nebel verborgen, aber nun kamen wir an einigen kleinen Marktständen vorbei - und an einer ganzen Bande auf den Bäumen sitzender Affen, die es ganz offensichtlich auf die Ware des Gemüsestands abgesehen hatten. Während sie auf eine günstige Gelegenheit warteten,sich zu sättigen kletterten sie auf den Bäumen herum und lieferten uns - die wir versuchten, sie zu filmen - eine regelrechte Show aus ihrem Leben: Gähnen, Kratzen, Klettern... Wir kamen nicht umhin, zu vermuten, dass es sich bei diesen Tieren um Medienprofis handelte. Als Sarah an Gemüsestand Karotten als Imbiss für den weiteren Weg kaufte, kam Leben ins Spiel. Nur mit Mühe konnten wir unsere Wegzehrung verteidigen. Nun begann es aber, zu tröpfeln und wir beschlossen, den Rückweg anzutreten.



Durch den Monsun
Anfangs wirkte das ganze noch harmlos und wir wähnten uns durch Regenjacken und Schirm gut geschützt. Nach wenigen Schritten mehr entpuppte sich dieses Sicherheitsgefühl jedoch als Illusion - es begann, in Strömen zu gießen, die Jacken waren - ebenso wie die Hosen und bald auch die T-Shirts - völlig durchweicht und wir stellten fest, dass man zwar in der Hitze von Madurai gerne mal von Frieren träumt, dieses Gefühl jedoch bald seinen Charme verliert, wenn es wirklich eintrifft. Zum anderen fiel uns ein, dass jede nur eine Garnitur warme Kleidung mithatte - diejenige, die wir trugen. Die würde aber bei kaltem Wetter im kalten Zimmer kaum wieder trocknen. Eine Weile stellten wir uns an einem Marktstand nahe des vorher besuchten Aussichtspunkt unter und gaben uns der Hoffnung hin, der Regen würde in absehbarer Zeit aufhören. Dazu sah dieser aber keinerlei Anlass. Bald bildeten sich kleine Flüsse und Wasserfälle auf der Strasse. Schließlich machten wir uns desillusioniert wieder auf den Weg und beschlossen, den nächsten Bus zurück nach Madurai zu nehmen, um uns und unsere Gaderobe zu trocknen. Die nassen Sachen klebten auf dem Körper und wir hatten immer noch ein gutes Stück Weg vor uns. Da kam - was für ein Glück! - die Reisegruppe von  vorher in ihrem Bis vorbei, hielt an und nahm uns mit. Im Bus wurden wir freundlich und (wie auch anders) lärmend begrüßt. Unser Mitfahren schien berechtigter Anlass für eine Party zu sein. Kurz vor unserem Hostel setzten sie uns ab, wir holten unser Gepäck und machten uns durch den immernoch strömenden Regen auf zum Busbahnhof.


Dekadenz
Auf diesem Weg kamen wir an einer Filiale von "Cafe Coffee Day" vorbei. Davon hatten die Freiwilligen bereits geschwärmt. Für einen durchschnittlich verdienenden Inder ist so ein Cafe vermutlich unglaublicher (in vielen Fällen wohl auch unerreichbarer Luxus), aber diese Gedanken waren uns regendurchweichten Wanderern zumindest in der gegebenen Situation sehr viel ferner als der brennende Wunsch nach Kaffee und heißer Schokolade. Im Cafe selbst konnte man fast meinen, in ein europäisches Ketten-Cafe versetzt zu sein. Neben solchem Luxus wie Tiefkühlpizza,Trinkschokolade und (ungemein fettiger) Schokotorte mit Vanilleeis, deren Genuss wir uns ungehemmt hingaben, fanden wir zu unserer Freude auch noch ein sehr sauberes Klo - sogar mit Klopapier!!! - wo wir uns die nassen Sachen ausziehen und mit unseren dünneren Sachen vertauschen konnten, die immerhin trocken waren. So gestärkt machten wir uns auf den Weg zum Busbahnhof und fanden dort nach einigem Hin und Her, den Bus nach Madurai.

Abwärts
Während der Busfahrt wurde das Tal wieder sichtbar. Das allerdings war wenig Anlass zur Freude, ließ doch der durch Worte kaum zu beschreibende Fahrstil des Busfahrers befürchten, dieses weit früher als geplant und erwünscht zu erreichen. In jeder Kurve auf der engen, schwer einsehbaren Straße, bangten wir um unser Leben. Der Busfahrer auf der Herfahrt hatte sehr häufig die Hupe zur Warnung betätigt, sein Kollege, dem wir nun für vier Stunden ausgeliefert waren, hielt dies ganz offensichtlich für unnötig, weshalb es immer wieder zu abenteuerlichen Ausweichmanövern kam, für die die Straße eigentlich nicht breit genug war. Die Schokotorte entpuppte sich in diesen Umständen als äußerst unbequem. Sarahs Magen fühlte sich bald völlig überfordert, diese Mahlzeit in sich zu behalten. Sie war aber nicht die einzige. Schon bald musste der Busfahrer anhalten und eine ganze Gruppe Mitfahrer verließen den Bus und obwohl ein höchst entschlossener indischer Mann dem Busfahrer offenbar sehr Deutliches über seinen Fahrstil zu sagen hatte - was beweist, dass dieser, trotz dem für uns sehr anstrengenden Verkehrsverhalten auf indischen Straßen, nun absolut nicht mehr Norm war - änderte dieser nicht viel, weder am Tempo noch an den Manövern. So war dieser Halt auch längst nicht der letzte. Mein Magen hielt stand und ich bewundere ihn immernoch nachhaltig dafür. Steffi und ich schafften es tatsächlich, die ganze Talfahrt lang, zu reden und zu lachen und waren selbst erstaunt davon, wie lange und in welch bedrohlichen Situationen Galgenhumor halten kann. Als wir aber wieder auf ebener Straße waren und uns einigermaßen zurücklehnen konnten, sagten wir lange erst mal gar nichts, so erschöpft waren wir. Einen kleinen Aufreger gabs noch, als es der Busfahrer trotz reichlichler anders weisender Beschilderung schaffte, als Geisterfahrer auf die Gegenfahrbahn einer großen Landstraße zu fahren. In den Straßen einer Stadt mag der Gedanken einer Regelung der Fahrbahnen wenig Anklang finden, auf solchen Landstraßen ist das aber auch in Indien gut organisiert und beschildert. Und außer unserem Verrückten schienen auch alle anderen Fahrer von der Sinnhaftigkeit dieser Regelungen überzeugt und von dem entgegenkommenden Bus höchst irritiert. Zum Glück ergab sich schneller als erhofft eine Möglichkeit, die Fahrbahn zu wechseln. Uff!!! Als wir in Madurai ankamen, hatte ich das Gefühl, dem Tod nur so eben von der Schippe gesprungen zu sein.

Gerade jetzt, beim Schreiben, eine Woche später, bin ich nocheinmal völlig fertig... Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich nochmal versuchen, selbst Auto zu fahren. Meine instabielen Nerven - die bisher das größte Hindernis waren - erhielten ja nun eine Intensivschulung. Und ich bin ja nun auch noch eine Weile hier...

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